EINE GESCHICHTE

Schädel-Hirn-Trauma, Hüftprothese, Bauchstich und sechs Espressi
publiziert in der Festschrift 100 Jahre ÖGU
© Dr. Richard Kdolsky

35 Minuten vergehen vom Läuten des Weckers bis zum Drehen des Zündschlüssels und dem Einsetzen des rhythmischen Surrens des noch kalten Vierzylinders. Dr. W ist auf dem Weg in die Arbeit. Er ist Unfallchirurg und leitender Oberarzt an einem Spital. In dieser kurzen Zeit gehen sich nur die wichtigsten Tätigkeiten aus: Duschen, Rasieren und ein Espresso. Frühstück fällt wie üblich aus und muss wohl auch diesmal in der Arbeit nachgeholt werden. Ziel von W. ist es, rechtzeitig zur Morgenbesprechung um 7.15 Uhr in den Konferenzraum zu huschen. Vorher zieht Dr. W. schnell Arztkittel, weiße Hose und Spitalsschuhe über. Piepser einschalten – und los geht`s. „Ist was übrig geblieben?“ – „An sich nein, außer, na ja: Ein stark Alkoholisierter wird gerade in den Computertomographen gefahren, mal sehen.“ Im Aufenthaltsraum sitzen zwei junge Assistenzärzte, die die Nachtschicht gerade hinter sich haben. Sie geben W. die ersten Informationen, was ihn heute im Dienst erwarten wird. Nach einem Blick auf die große digitale Wanduhr stehen sie auf und eilen den Gang zum Konferenzraum hinunter. Dr. W. konsumiert den zweiten Espresso des heutigen Tages und folgt den beiden.

Im Konferenzraum gleiten die ersten Röntgenbilder auf Schienen durch den Raum und werden per Beamer an die Wand projiziert, als W. eintritt. 50 Patientinnen und Patienten werden in den kommenden 45 Minuten durchbesprochen – die Fälle des vergangenen Tages, die Notaufnahmen der vergangenen Nacht sowie die geplanten Eingriffe für heute. Pro Patient werden drei bis vier Bilder gezeigt. Schnell ist der präsentierende Oberarzt in eine Diskussion mit den anderen Unfallchirurgen verwickelt. Warum er den Verrenkungsbruch am Knöchel einer 60-jährigen Patientin von hinten verschraubt hätte und nicht von vorne – ohne direktes Öffnen der Fraktur – will der Chefarzt wissen. Und so geht es weiter: Frage – Antwort, Frage – Antwort bis alle Patienten durchbesprochen sind. Es ist kurz nach 8.00 Uhr. Dr. W.s Dienst beginnt nun offiziell.

Visite – Im ersten Zimmer links liegt am Fenster ein etwa 25-jähriger Mann. Er hat sich beim Schifahren das Kreuzband gerissen, wurde vor zwei Tagen erfolgreich operiert. „Wie geht’s Ihnen? Haben Sie Schmerzen?“, will Dr. W. wissen. „Es tut schon noch weh“, meint der junge Mann und zeigt auf sein linkes Bein. „Drainage entfernen, Verband wechseln und legen Sie das Bein auf eine Motorschiene“, gibt W. Anweisung an die Assistenzärzte und Schwestern, die die Visite begleiten. „Ich verordne Ihnen jetzt physikalische Therapie, das heißt, ein Physiotherapeut wird Übungen mit Ihnen machen. Sie bekommen auch Krücken und dürfen aufstehen. Sie dürfen das Bein belasten, aber nicht zu stark, okay?“ – „Und wann darf ich wieder raus?“, will der Patient wissen. „Na ja, ich würde sagen, morgen oder übermorgen. Können Sie sich die Thromboseprophylaxe schon selbst spritzen?“ Der junge Mann nickt und scheint zufrieden zu sein.

Zimmer 3 – Gangbett: Die im Bett liegende Patientin ist 76 Jahre alt und laboriert an einem Schenkelhalsbruch nach einem Sturz auf dem Friedhof. Die ältere Frau musste vor acht Tagen operiert werden (Gelenksersatz der linken Hüfte) und geht mittlerweile bereits eine Ganglänge. „Es tut noch immer weh und der Schmerz zieht von der Hüfte zum Knie“, klagt sie. „Ich höre, Sie können schon ganz gut gehen. Aus unserer Sicht spricht nichts dagegen, wenn Sie in ein paar Tagen nach Hause gehen“, lobt Dr. W. die Dame. Diese schüttelt energisch den Kopf: „Ich kann doch noch gar nicht gehen, solange ich die Nähte in der Wunde habe. Und außerdem habe ich niemanden zu Hause. Warum schicken Sie mich nicht auf Rehab?“ – „Ich glaube, das werden Sie gar nicht brauchen. Schauen Sie, Sie werden froh sein, wenn Sie wieder daheim sind. Wir besorgen Ihnen zwei Heimhilfen, die Sie in der ersten Zeit betreuen.“ Dr. W gibt der Stationsschwester einen entsprechenden Auftrag und will der Patientin noch etwas sagen, als sein Piepser anschlägt. W. tritt zurück und zieht das Spitalshandy aus der Tasche. Am anderen Ende meldet sich der diensthabende Arzt aus dem Schockraum: „Wir haben den älteren Mann aus der Nacht gerade aus dem Computertomographen zurückbekommen. Schaut nicht gut aus: Ausgedehnte Blutung, der Mann ist nur noch schwer ansprechbar.“ – „Geh, mach du die Visite weiter“, sagt Dr. W. zum begleitenden Facharzt und eilt zum Lift.

Schockraum – Drei Minuten später steht W. im Schockraum. In den Schaukästen hängen die Bilder aus dem Computertomographen (kurz CT genannt). Die Schockraummannschaft ist vollzählig da: eine Anästhesistin und ihr Assistent, ein Unfallchirurg in Ausbildung, zwei Schwestern und ein Pfleger. In der Mitte liegt ein etwa 50- jähriger Mann in sichtlich schlechtem Zustand, den Kopf zur Seite gedreht, beide Augen sind geschlossen. „Wie er in den CT gefahren ist, war er noch ansprechbar“, berichtet eine Schwester. „Können Sie mich hören?“ Dr. W. fasst den Patienten an der Schulter an. Keine Reaktion. W. leuchtet in die Augen. Eine Pupille ist erweitert. Auf den Bildern ist die Blutung zu sehen, etwa einen Zentimeter breit, diese drückt auf die rechte Hirnhälfte. „Da wird wohl nur ein sofortiger Eingriff helfen“, sagt W. und bittet die Mannschaft einen Operationssaal zu reservieren, den Patienten zu intubieren und einen zentralen Venenzugang zu legen. Während der Mann vorbereitet wird, geht Dr. W. kurz in die Ambulanz. Der Warteraum ist voll. „Da ist eine Dame, die sie unbedingt sprechen möchte, sie war schon letzte Woche da“, erklärt Schwester H., die hinter dem Aufnahmeschalter sitzt. „Hm, ich fürchte, Sie müssen sie noch vertrösten, ich schaff’ das jetzt nicht.“ Der Piepser schlägt wieder an, es ist der OP – alles fertig für den Eingriff. Eineinhalb Stunden später schält sich W. aus dem OP-Gewand. „Alles gut gegangen“, berichtet er. „Allerdings weiß man bei so einer Verletzung nie, wie es letztlich ausgehen wird. Der Mann muss jetzt auf die Intensivstation. Wir haben zwar die Blutung chirurgisch stillen können, Lebensgefahr besteht aber immer noch. Die nächsten 48 Stunden werden weisen, wie der Patient die Sache übersteht.“

Jetzt ist endlich Zeit für ein Frühstück – es ist mittlerweile 10.45 Uhr und W. bestellt sich beim Buffet ein Kipferl, eine Wurstsemmel und einen Orangensaft. Hinterher gibt es den obligatorischen Espresso. Langsam kehrt wieder Farbe ins Gesicht des Unfallchirurgen zurück, der selbst etwas blass aus dem OP gekommen war. Schnell noch ein Blick in eine Tageszeitung und dann meldet sich wieder einmal der Piepser. W. wählt die angegebene Durchwahl. Es ist die Röntgenassistentin beim Computertomographen. Die Bilder des frisch operierten Patienten sind nun fertig. „Schaut eh gut aus“, meint die Assistentin. W. ist wieder auf den Beinen und eilt zum Röntgen. Computertomograph (CT) – Die Bilder sind tatsächlich vielversprechend. Während der Patient aus dem CT herausgeschoben wird, ruft Dr. W. zwei Krankenträger. Der Frisch-Operierte muss auf ein Intensivbett umgelagert werden. Die Träger, Dr. W. und ein OP-Gehilfe fassen den Schwerverletzten und heben ihn auf Kommando in das viel breitere und schwerere Intensivbett. Der Oberkörper wird um exakt 30 Grad erhöht. Wieder schlägt der Piepser an. Es ist die Ambulanz. „Ihre Patientin lässt fragen, wie lange es noch dauert?“ – Dr. W. schlägt sich auf die Stirn: „Die hab’ ich total vergessen. Na, sagen Sie ihr bitte, dass ich gerade bei einem Schwerstverletzten bin und in zehn Minuten in die Ambulanz komme.“

Ambulanz – Kurz vor 12.00 Uhr betritt W. die Ambulanz. Es sind immer noch jede Menge Patienten da. Eine etwa 45-jährige Dame winkt energisch, als sie den Oberarzt sieht. Dieser gibt ihr die Hand und begleitet sie in den Behandlungsraum 4. Die Patientin hat sich vor zehn Tagen den Knöchel verstaucht. „Es tut immer noch weh und geschwollen ist der Knöchel auch noch“, berichtet sie etwas verängstigt. W. nimmt den Knöchel in die Hand und untersucht diesen noch einmal. „An sich darf das schon noch eine Woche dauern. Sie dürfen nicht zu viel spazieren gehen und müssen das Bein am Abend schön hoch lagern. Machen Sie kalte Umschläge, damit die Schwellung weggeht.“ Nach 15 Minuten humpelt die Dame aus dem Untersuchungsraum. W. entschließt sich, sein Dienstzimmer aufzusuchen. Er fährt den Com-puter hoch und startet Windows Outlook. Fünf Minuten später meldet sich der Piepser. Es ist wieder die Ambulanz. „Lieber Kollege, bei mir warten 25 Personen auf Behandlung, die Rettungen geben sich die Klinke in die Hand, und da ist eine Fünfjährige samt Mutter, die sich den Ellbogen gebrochen hat. Komm’ bitte rasch runter.“ Das kleine Mädchen sitzt in Behandlungsraum 2, hält sich den Arm und hat Tränen in den Augen. Um die Mutter ist es kaum besser bestellt: „Wird das auch wieder? Müssen Sie operieren?“ Dr. W bittet die Mutter kurz ins Nebenzimmer und lässt sich von Schwester F. die Röntgenbilder geben. „Ich fürchte, wir müssen operieren, sonst wächst das nicht mehr ordentlich zusammen.“ – „Und was heißt das konkret?“ – „Wir richten den Bruch wieder schön ein und fixieren das mit zwei Drähten. Wahrscheinlich geht das ohne Aufschneiden der Fraktur. Ich kann es aber nicht garantieren. An sich sieht man erst am OP-Tisch, ob etwas ins Gelenk eingeschlagen ist. Ich muss Sie auch darauf hinweisen, dass bei dem Eingriff ein Nerv verletzt werden kann. Das ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Wenn alles gut geht, kann die Kleine morgen wieder nach Hause.“ Die Mutter willigt sichtlich erleichtert in die OP ein und unterschreibt die nötigen Papiere. Die kleine Patientin wird inzwischen im Schockraum auf die OP vorbereitet. Ein Pflaster mit einem Lokalanästhetikum macht es dem Assistenzarzt leichter, einen Venenzugang zu legen. Der Arm wird lokal betäubt, das Kind bekommt noch ein Beruhigungszapferl. Dr. W. geht inzwischen noch einmal ins Buffet und trinkt seinen vierten Espresso heute.

Es ist kurz vor 13.30 Uhr. In wenigen Minuten beginnt die Mittagsbesprechung, in der W. von dem Patienten mit dem Schädel-Hirn-Trauma und über die Aufnahmen des Vormittags berichtet. Die Kollegen von der Intensivstation geben einen kurzen Bericht über W.s Patienten. Er ist stabil. Dessen hohe Alkoholisierung vor der OP steigere das Risiko von Komplikationen allerdings erheblich, meint der diensthabende Anästhesist. Kurz nach 14.00 Uhr geht wieder Dr. W.s Piepser. Der OP für das kleine Mädchen ist bereit. Eine Stunde später kommt der Unfallchirurg aus dem OP heraus. Das Mädchen wird noch vom Assistenzarzt gegipst. W. peilt sein Dienstzimmer an und geht durch die Ambulanz. Dort liegt ein 35-jähriger Mann auf einer Bahre, er wimmert mit schmerzverzerrtem Gesicht. W. lässt sich die Röntgenbilder zeigen. Diagnose: gebrochener Knöchel. Das Sprungbein ist aus der Gabel gerutscht. „Das muss man operieren“, murmelt W. und geht weiter. Im Dienstzimmer startet er sein Mail-Programm und tippt eifrig in die Tasten, bis der Piepser geht: es ist die Ambulanz. „Wir haben da einen jungen Patienten mit einem gebrochenen Knöchel und eine 87-Jährige mit einer Schenkelhalsfraktur, die Blut verdünnende Medikamente nimmt. Die braucht einen Streckverband. Allerdings ist da ein ganz junger Kollege im Gipszimmer. Könnten Sie …“ W. legt auf und schließt das E-Mail-Programm. Fünf Minuten später ist er wieder in der Ambulanz. „Den Knöchel habe ich mir schon angesehen. Muss operiert werden“, meint er lapidar zum diensthabenden Arzt. Der Streckverband ist in 20 Minuten unter Anleitung W.s von dem jungen Kollegen angelegt worden. Mittlerweile ist ein 83-jähriger Patient mit einem Oberschenkelbruch bei liegender Hüft-Prothese fertig für die Operation. Dr. W. gibt noch schnell seine Essensbestellung auf (Wiener Schnitzel mit Salat) und plaudert mit einem Kollegen über die Matura seiner Tochter, als der Piepser geht und W. in den OP II gerufen wird.

OPERATIONSSAAL II – Dr. W. weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es länger dauern wird. Bei der Freilegung des Bruches zeigt sich, dass sich die alte Prothese gelockert hat. W. muss rasch entscheiden. – „Brauchen wir eine Revisions-Prothese?“, fragt der Assistenzarzt. W. bejaht. Nach zwei Stunden verlässt W. schließlich den mittlerweile auf 24 Grad aufgeheizten OPSaal II. „Ich sollte wirklich schnell etwas zum Essen bekommen“, sagt er der Schwester und ruft den Assistenzarzt an, der für die ganze Station Essen bestellt hat. „Das Schnitzel kommt gegen sieben Uhr“, gibt dieser Auskunft. Da gehen sich noch ein Espresso und ein kurzes privates Telefonat aus. „Bisher war es eher ruhig“, plaudert W. mit seiner Frau. „Keine großen Notfälle, aber warten wir’s ab.“ Mittlerweile ist es 19.00 Uhr und ein Essensbote mit Helm bringt zwei große Boxen Verpflegung. Für zwanzig Minuten steht die Station still – es wird geplaudert und gelacht und als Hintergrund-Musik dient das Pfeifen der Kaffeemaschine, die noch einmal auf ihre Kapazitätsgrenze geprüft wird. „Wer hat heute Nacht Schockraumdienst?“, fragt W. Der Assistenzarzt, mit dem er zuvor die Revisionshüfte operiert hat, meldet sich. „Okay, dann bereiten Sie bitte den jungen Mann mit der Knöchelfraktur zur OP vor. Ich assistiere Ihnen.“ Um 19.45 Uhr steht W. wieder im grünen OP-Gewand vor dem OP-Tisch. Die OP dauert über eine Stunde, als kurz vor 21.00 Uhr über Lautsprecher eine Durchsage in den OP kommt. „Eine Schwerverletzte mit Verdacht auf Wirbelfraktur kommt in den nächsten 15 Minuten mit der Rettung.“ – „Zehn Minuten später ist W. draußen aus dem OP und auf dem Weg zur Rampe. Die Rettung ist noch nicht da, man hört aber schon das Heulen der Sirene. Die Sanitäter heben eine junge Frau aus dem Mercedes-Rettungswagen. Der Notarzt berichtet im Stakkato: „Verkehrsunfall mit dem Motorrad, die Patientin ist Anfang 20 und ansprechbar. An der Unfallstelle konnte sie alles bewegen und spüren. Verdacht auf Wirbelfraktur, außerdem klagt die Patientin über Schmerzen im Brustkorb links.“ – „Wie geht’s Ihnen? Können Sie die Füße bewegen?“, Dr. W. wendet sich direkt an die Patientin. Diese wirkt gefasst und bejaht die zweite Frage. Zum Beweis wackelt sie mit den Zehen unter der Sanitätsdecke. „Sehr gut, wir gehen jetzt mit Ihnen in unseren Überwachungsraum und machen gleich eine Computertomographie, dann wissen wir mehr.“ – „Ich brauche die Blutwerte, CT und Lungenröntgen, schließen Sie die Patientin dann an die
Überwachungsgeräte an“, gibt W. Anweisung an die Schockraummannschaft. Um 21.40 Uhr fährt die Patientin in den CT, zehn Minuten später sind die Bilder da. „Die Milz ist eingerissen – und da sieht man, dass der erste Lendenwirbelkörper angebrochen ist. Außerdem sind die Rippen 9 bis 12 gebrochen“, berichtet der Assistenzarzt. „Die Patientin ist weiter stabil und braucht keine Blutkonserven“, berichtet eine der Schockraum-Schwestern. „Okay, dann operieren wir nicht sofort, sondern machen das konservativ“, entscheidet W. „Das heißt 24 Stunden engmaschige Überwachung der Patientin im Schockraum. Ich werde sofort informiert, wenn sich die Situation verändert, alles klar?“ – Die Schockraum-Mannschaft nickt. Dr. W. bleibt noch eine Weile, bevor er auf die Intensivstation geht und nach dem am Vormittag operierten Mann sieht. „Alles ruhig hier“, berichtet die diensthabende Anästhesistin. „Okay, dann schau ich mir den Rest von der Zeit im Bild 2 an, danke.“

Aufenthaltsraum – Der Aufenthaltsraum hat den Charme einer Bahnhofswartehalle, immerhin gibt es einen Fernseher und ein Fenster, das auch geöffnet werden kann. Dr. W. schnappt sich die Fernbedienung und schaltet ORF 2 ein. Pech für ihn – ZiB-2-Anchorman Armin Wolf verabschiedet gerade die Zuseher auf 3sat und moderiert nur noch das Wetter. Es folgt eine Dokumentation. Dr. W. holt sich ein Cola und lehnt sich zurück. Um 23.10 Uhr schreckt er auf – der Piepser. Es ist die Ambulanz: „Wir haben hier jemanden mit einem eitrigen Finger, der sich vor vier Tagen bei der Gartenarbeit verletzt hat.“ Dr. W. nimmt einen letzten Schluck Cola und geht in die Ambulanz. Dort hat sich mittlerweile das gefürchtete Nachtpublikum eingefunden – zwei offenbar stark betrunkene Männer liegen über den Sitzen, einer blutet aus der Nase. Zwei Jugendliche schimpfen lautstark und fangen gerade an, mit den orangenfarbenen Wartesesseln zu randalieren. „Sie rufen sofort den Sicherheitsdienst und werfen mir diese Typen raus“, verlangt Dr. W. von der diensthabenden Nachtschwester. Dann geht er in den Behandlungsraum 1. Dort wartet ein älterer Herr mit einem provisorischen Verband am rechten Zeigefinger. „Ich dachte mir, das wird schon wieder. Aber heute Abend hat es angefangen, höllisch wehzutun. Da hat mich meine Frau hergebracht“, erklärt er. Der Finger sieht tatsächlich schlimm aus. Er ist stark gerötet und es haben sich zahlreiche Eiterherde gebildet. „Das war nicht so schlau, den Helden zu spielen. Ich fürchte, jetzt kommen Sie um eine Operation nicht herum“, sagt Dr. W. „Bringen Sie den Patienten in den Schockraum, verständigen Sie Kollegen Z. und bereiten Sie den Patienten auf den Eingriff vor“, bittet W. eine Schwester. 15 Minuten nach Mitternacht ist alles bereit für die OP. Dr. W. zieht sich heute zum fünften Mal das grüne OP-Gewand
an, um Dr. Z. zu assistieren. W. kommt um 1.20 Uhr aus dem OP Saal I heraus. „Ich bin in meinem Dienstzimmer, piepsen Sie mich an, wenn etwas ist“, ruft er dem Kollegen in der Ambulanz beim Vorbeigehen zu.

W. hat heute Nacht Glück – der sorgsam auf den Schreibtisch gelegte Piepser meldet sich erst wieder um 5.10 Uhr. W. wählt verschlafen die Nummer des Schockraums. „Wir haben einen Patienten mit einem Bauchstich, sieht schlimm aus“, berichtet der diensthabende Assistenzarzt Z. kurz. „Bin gleich da“, brummt W. und holt sich schnell noch einen Kaffee, bevor er in den Schockraum geht. „Freie Luft im Bauchbereich“, deutet der Radiologe auf die CT-Bilder des Verletzten. „Teile des Dünndarms und der Magen sind verletzt.“ – „Die Polizei ist verständigt?“, will W. wissen. „Natürlich, der Rettungswagen ist von zwei Dienstautos der Polizei eskortiert worden. Die Kollegen warten draußen.“ – „Okay, bereiten Sie die OP vor, ich rede mit denen.“ 90 Minuten später ist der Eingriff vorbei. W. und sein OP-Team mussten vier Löcher im Dünndarm nähen. Jetzt hetzt er in die Morgenbesprechung, in der er ausführlich über die Ereignisse der Nacht berichtet. Wieder fahren die CT- und Röntgenbilder wie von Zauberhand gezogen zum Projektor vor und werden an die Wand geworfen. An diesem Morgen gibt es wenige Nachfragen. Kurz wird das Problem der randalierenden Jugendlichen besprochen. „Wir haben eigentlich jeden zweiten Tag so ein Problem – das kann ja nicht unser Job sein, diese Leute zur Räson zu bringen“, schimpft ein Kollege. W. nickt, an eine rasche Lösung glaubt er allerdings nicht. „Wie oft haben wir über dieses Thema diskutiert? Warum haben wir immer noch keine Security auf der Ambulanz?“, fragt er rhetorisch eine Kollegin, die links von ihm sitzt. Diese nickt. Und fragt zurück: „Frühstück?“ – „Gute Idee!“ zehn Minuten später sitzen die beiden auf der Station und W. dippt sein Kipferl in ein weißes Häferl mit Kaffee. „Jetzt noch die Visite und dann Abgang“, meint W. Kurz vor halb zehn ist es dann wirklich so weit. W. startet den heiser klingenden Vierzylinder seines Kleinwagens und fährt aus der Tiefgarage.